Die Blackbox: Die Lücke zwischen politischer Willensbildung im Internet und der Politik

Geschrieben von Christian Scherg in Allgemein

Technology in the handsVor kurzem habe ich Ihnen hier im Partizipation-Blog das Thema „Politische Willensbildung in der virtuellen Welt“ vorgestellt. Gegen Ende des Artikels habe ich das Phänomen der „Black Box“ beschrieben, in welcher die politische Willensbildung im Internet für die Politik und Wirtschaft bislang noch im Verborgenen stattfindet. In meinem zweiten Beitrag möchte ich Ihnen vorstellen, wie diese Black Box aufgelöst werden kann.

Das große Problem der Politik heute ist nicht, dass zu wenig Menschen Interesse an politischen Themen zeigen, sondern die Politik die Engagements der Nutzer zu spät wahrnimmt und dann ad hoc auf Druck von Medien und Opposition auf Strömungen reagieren muss, obwohl noch keine wirkliche Kenntnis über Gruppen und Interessenverbände besteht.

Bürgerbeteiligung in Deutschland

In Deutschland gibt es bereits erste Versuche, die Bürger dazu zu motivieren, ihre Ideen zu äußern. So konnten Bürger Ideen, Meinungen, Vorschläge und Kritik zur Neuregelung des Punktesystems äußern. Noch weiter geht die Web-Software „Liquid Feedback“, die seit Oktober 2009 auf Betreiben der deutschen Piratenpartei von der unabhängigen Public Software Group e.V. entwickelt wird. Liquid Feedback unterscheidet dabei die beiden Phasen Themenfindung und Abstimmung. Die Themenfindung muss vier Bedingungen genügen:

  • Jeder Teilnehmer kann von einer Initiative erfahren
  • Jeder Teilnehmer kann eigene Vorschläge zur Ausgestaltung von Initiativen einbringen
  • Jeder Teilnehmer hat die Möglichkeit alternative Initiativen einzubringen
  • Jeder Teilnehmer kann am Ende einer Diskussion über die Initiative abstimmen

Die abschließende Abstimmung muss ihrerseits denselben formalen Anforderungen genügen, die auch an Abstimmungen in der analogen Welt – von der Wahl per Akklamation bis hin zum sogenannten Hammelsprung – gestellt werden: 

  • Die Überprüfbarkeit der Teilnahmeberechtigung
  • Die Gewähr, dass jeder Teilnehmer nur einmal abstimmt
  • Die korrekte Auszählung der abgegebenen Stimmen

Diese Anforderungen sind in der digitalen Welt nur schwer zu erfüllen, da das Internet nicht dafür ausgelegt ist, die Identität seiner Nutzer zu kontrollieren. Verschleierungs-Software, Proxy-Server und Spionage-Tools erschweren zusätzlich einen betrugssicheren Online-Partizipationsmechanismus. Dies macht Restriktionen und Techniken erforderlich, die zwar die Eingangshürde zur direkten Demokratie erhöhen, wohl aber deren Validität sicherstellen. Zudem funktioniert LiquidFeedback nicht isoliert: Initiativen, die hier eingestellt sind, werden parallel über andere Kanäle – etwa Twitter oder Mailinglisten – diskutiert. LiquidFeedback ist in Summa ein probates Mittel, um die Ergebnisse der virtuellen politischen Willensbildung zu einem Zeitpunkt sichtbar zu machen, an dem sie in ihrem Entstehungsprozess bereits abgeschlossen sind.

Das Ohr an der Öffentlichkeit

Die Politik ist in ihrer Handlungsfähigkeit jedoch beschränkt, weil nur auf sichtbare Auszüge des virtuellen Dialogs reagiert werden kann. Doch wie lässt sich die entstandene Lücke – die „Black Box“ – zwischen politischer Willensbildung im Internet und der Politik schließen?

Dieser Prozess könnte wie folgt aussehen:

Scherg_MonitoringEs braucht dazu Monitoring-Tools, die den Dialog im Web für die Politik transparent gestalten, sodass die Politik in die Lage versetzt wird, den entstehenden politischen Willensbildungsprozess im Internet rechtzeitig aufgreifen zu können. Ob Minderheitsmeinungen oder Massenphänomen, die Politik muss das Ohr an das Medium der Öffentlichkeit legen,  gezielt Informationen liefern und in den Dialog eintreten, um ihn aktiv mitzugestalten. Genau dafür muss die „Black Box“ Internet aufgelöst werden.

Moderne Monitoring-Technologien öffnen die Black Box

Gerade aus dem Monitoring der viralen Meinungsbildungs-Prozesse und deren Verortung innerhalb der virtuellen Welt lassen sich wiederkehrende Muster evaluieren, die Rückschlüsse auf die Ergebnisse der politischen Willensbildung im Internet erlauben. Möglich ist dies, weil es auch innerhalb der viralen Meinungsbildung des anonymen Schwarms Hierarchien und neuralgische Punkte wie Foren, Gruppen und Netzwerke gibt: Das Marktforschungsinstitut ACNielsen hat in einer Studie darauf hingewiesen, dass 90 Prozent aller Internet-Anwender das Netz vorwiegend passiv nutzen. Diesen passiven Nutzern stehen neun Prozent aktive Anwender gegenüber – und ein Prozent „Heavy Contributor“, welche als Meinungsführer betrachtet werden können. Ihnen gelingt es oftmals mit nur wenigen Postings die Meinung der gesamten Gruppe zu formen. Diese Meinung wird wieder an bestimmten virtuellen Orten mit anderen Gruppen innerhalb des Internet ausgetauscht und hat damit gute Aussichten den gesamten Prozess digitaler Willensbildung zu beeinflussen.

Der effiziente Dialog innerhalb der politischen Willensbildung im Internet muss sich also auf die Archetypen ihrer Repräsentanten konzentrieren. Daher ist es erforderlich, Analysen zu entwickeln, die eine qualitative Beobachtung und Bewertung erlauben. Dies allerdings ohne die Daten zu missbrauchen, individuelle Bewegungsprofile zu erstellen oder Daten zu speichern, die eine persönliche Zuordnung möglich machen. Es geht vielmehr darum, aus den Erkenntnissen, Eigenschaften und Vorlieben Personae zu entwickeln, die zu Zielgruppen oder Teilzielgruppen aggregiert und somit frühzeitig, schnell und präzise adressiert werden können. Auf dieser Basis werden wiederum Suchroutinen und Prozesse aufgesetzt und Szenarien entwickelt. So gehen wichtige Meinungen und Minderheiten nicht verloren und die Politik kann frühzeitig auf Stimmungen reagieren, Krisen antizipieren und Argumente aus dem Web in den eigenen Diskurs mit aufnehmen.

Die anschließende Datenerhebung ist eine Kombination aus quantitativer und qualitativer Messung. Quantitative Faktoren sind hier zum Beispiel die Verbreitung und die Reichweite einer Aussage. Qualitative Faktoren sind das Sentiment und die Emotionalität einer Aussage – und nicht zuletzt natürlich deren Inhalt und die Glaubwürdigkeit desjenigen, der die Nachricht verbreitet.

Fazit

Die politische Willensbildung ist ohne das Internet nicht mehr denkbar. Mehr noch: Das Netz bietet beste Voraussetzungen für einen Dialog – zwischen Politik und Bürgern sowie zwischen Bürgern und Bürgern. Jeder will, jeder darf, jeder muss mitreden – jeder will, darf und muss sich eine Meinung bilden.

Es ist deshalb umso wichtiger, permanent das Ohr an den bestehenden virtuellen Diskurs zu halten, die dynamischen Prozesse zu verfolgen, den Strom der „Schwarm-Intelligenz“ nachzuvollziehen, argumentativ zu begleiten und somit eine permanente permeable Membran zwischen Volk und Volksvertretern herzustellen. Die reine Momentaufnahme der Meinung einer amorphen Masse kann jedoch schnell zu einem recht einseitigen Zerrbild führen.

Um den Dialog aufzunehmen und den Prozess konstruktiv zu gestalten, muss man wissen, wann, wo und mit wem man kommuniziert. Dabei helfen technische Prozesse, die die Anonymität des einzelnen nicht auflösen, aber Gruppen, Teilöffentlichkeiten, Themen, aktuelle Notwendigkeiten sowie ihre Foren und Plattformen sichtbar und somit adressierbar machen.

Meinungsbildung im Internet findet permanent und überall statt. Zuhören, Informieren und den Dialog suchen: Die aktive Nutzung der Möglichkeiten, die das Netz bietet, ist ein wichtiger Schritt zur Stärkung der Demokratie im digitalen Zeitalter.

Tags:, , ,

Christian Scherg

Christian Scherg ist Managing Director der REPUTATION ADVICE GmbH. Mit über 15 Jahren Medienerfahrung gehört er zu den Pionieren und Vordenkern des Reputationsmanagements sowie zu den führenden Online-Strategie-Beratern für Politik und Management. Christian Scherg ist Dozent an der Quadriga Hochschule Berlin und Autor des Buches „Rufmord im Internet“.

Kommentieren

© 2013 ADVICE PARTNERS GmbH Unternehmensberatung für Strategie und Kommunikationsmanagement | Impressum | Kontakt