Politische Willensbildung in der virtuellen Welt

Geschrieben von Christian Scherg in Allgemein

© ag visuell / fotoliaBeim Stichwort „politische Willensbildung im Internet“ denken viele Menschen wahrscheinlich zuerst an den US-Präsidenten Barack Obama. In seinen beiden erfolgreichen Wahlkämpfen 2008 und 2012 machte er das Internet zu einem der wichtigsten Instrumente, um Wähler zu erreichen und von sich und seinem politischen Programm zu überzeugen. So nahm er durch Informationsoffensiven und die Aktivierung von Wählern durch Dialog massiven Einfluss auf die politische Willensbildung von Millionen Menschen und gewann auch hierdurch zwei Mal die Wahl zum US-Präsidenten.

In Deutschland müssen wir jedoch nicht unbedingt nach Amerika schauen, um die Bedeutung des Internets für die Politik zu verstehen. Denn längst findet in Foren, auf Blogs und in sozialen Netzwerken politische Meinungsbildung statt – und zwar täglich. In zwei Blogeinträgen werde ich die Themen Meinungsbildung in der digitalen Welt und Die Blackbox: Die Lücke zwischen politischer Willensbildung im Internet und der Politik skizzieren. 

Meinungsbildung in der digitalen Welt

Das Internet in seiner jetzigen Form besteht zu einem großen Teil aus nutzergenerierten Inhalten. Ob ausführlicher Blogpost oder kurze Statusnachricht bei Facebook: gut vernetzte User können innerhalb kürzester Zeit mit Ihren Aussagen Tausende oder sogar Millionen Menschen erreichen und diese direkt oder indirekt beeinflussen. Das Internet, aber vor allem soziale Medien sind dabei der Kanal, in dem Inhalte erzeugt und verbreitet werden können. Die Herausforderung der Politik ist dabei vor allem durch 5 Elemente geprägt:

  1. Das Internet ist dynamisch: Jede Äußerung steht binnen weniger Sekunden allen anderen Internet-Anwendern rund um den Globus zur Verfügung. Informationen verbreiten sich in der Regel nicht über vorgezeichnete Kanäle, sondern viral bzw. organisch.
  2. Das Internet lässt Minderheitenmeinungen zu: Anders als auf herkömmlichen Kanälen, über die Äußerungen meist nur dann weitergegeben werden, wenn sie auch den Interessenshorizont einer größeren Masse treffen, lassen sich im Web auch Partikular-Interessen kommunizieren, da die Adressaten, die dieses Interesse teilen, unmittelbar erreicht werden können.
  3. Das Internet vergisst nichts: Jede Äußerung im Internet wird unmittelbar gespeichert, von Suchmaschinen erfasst und indexiert. Damit sind Informationen unabhängig von ihrem Zeitstempel auch nach Jahren noch abrufbar – geordnet und gewichtet durch die Algorithmen der Suchmaschinen.
  4. Das Internet ist anonym: Viele Meinungen und Kommentare werden nicht unter dem Klarnamen abgegeben. Es werden Pseudonyme – sogenannte Avatare – benutzt. Dadurch sind vielfach weder Individuen noch Gruppen zweifelsfrei identifizierbar und können nicht konkret adressiert werden.
  5. Das Internet beschleunigt und intensiviert den öffentlichen Diskurs: Kritik im Web ist oftmals geprägt von hoher Emotionalität und drastischer Sprache, was schnell zu Missverständnissen und Eskalation führen kann.

In einer Zeit, in der sich Hypes und Shitstorms nahezu in Rekordzeit bilden und wieder abflauen, können selbst Themen eine große Aufmerksamkeit erzeugen, die über klassische Medien womöglich niemals erreicht würden. 

Dezentrale politische Meinungsbildung in Deutschland

Während international insbesondere das unabhängige Forum 4chan/b/ Ausgangspunkt für globale Bewegungen ist, finden in Deutschland Internet-Bewegungen meist dezentral statt. Allerdings finden diese vereinzelten Initiativen über Facebook, Twitter und auch YouTube schnell eine große Masse an Nutzern, die sich einem Thema anschließen und mitunter sogar Bewegungen weiterentwickeln bzw. zu wichtigen Akteuren werden. Vor allem kleinere regionale Bürgerbewegungen erkennen zunehmend die Macht der digitalen Medien und nutzen diese für einen gemeinsamen Dialog auf Ihren eigens eingerichteten Plattformen. Druck wird über Petitionen erzeugt oder mediale Aufmerksamkeit gegenüber der Politik erreicht. 

Transfer von virtueller politischer Aktivität in die Realität

Ein Beispiel für den erfolgreichen Transfer zwischen virtueller und realer Welt ist die Gründung des Bundesverbandes „Bürgerinitiativen Tiefe Geothermie“ (BV-BI-TG). Ursprünglich aus vielen einzelnen Internet-Protestbewegungen hervorgegangen, formieren und organisieren sich Bürgerinitiativen deutschlandweit seit August 2010 über eine Online-Portalseite und seit 2011 auch über eine angeschlossene Facebook Gruppe innerhalb eines übergeordneten Verbandes.

 „Mit der Gründung (…) möchten die Gegner der Geothermie den Bürgern eine Informationsplattform bieten und den Widerstand unterstützen. Die Initiativen sind der Meinung, dass der Bau von Geothermiekraftwerken im Vergleich zu Solar- und Windenergie weder risikofrei noch wirtschaftlich sei.“ (Vgl. http://www.tiefegeothermie.de/index.php?id=news_geothermie, Zugriff: 10.08.2010)

Der online stattfindende Meinungsbildungsprozess initiiert und affirmiert die reale politische Willensbildung und noch viel wichtiger: die virtuelle Welt liefert die notwendigen prozessualen organisatorischen Rahmenbedingungen, um das übergeordnete Thema „Energiegewinnung aus Erdwärme“ progressiv im öffentlichen Diskurs mit den Behörden und der Politik zu halten. Mit der Gründung des Bundesverbandes hat sich überdies der Transfer in die klassischen hierarchischen Strukturen der realen Welt konsequent vollzogen. Dieser Prozess – in allgemeingültiger Form – wird in der Abbildung modellhaft festgehalten.

Das Problem für alle Instanzen, die in diesem Fall mit dem Bau des Geothermiekraftwerkes verbunden sind, ist allerdings, dass die Kenntnis von solchen Bewegungen im Internet erst dann erlangt wird, wenn bereits reale Aktivitäten wie die Gründung eines Bundesverbandes erfolgt sind. Dadurch stehen Unternehmen, Behörden und Investoren plötzlich einer größeren Protestbewegung gegenüber und müssen sich adhoc auf diese Situation einstellen.

Willensbildung_Online_Blackbox

Abbildung: Die Blackbox: Politische Willensbildung im Internet

 

Ein Ereignis oder ein Thema wie die Geothermie, mit starkem persönlichen Involvement der Betroffenen, führt in einem ersten Schritt zur Artikulation von Interessen im Web. Diese werden von Meinungsführern geäußert, verstärkt oder aufgegriffen und im Internet weitergetragen. Betroffene und Interessierte finden sich im Netz, tauschen sich aus und erkennen, dass das persönliche Involvement auch bei anderen Akteuren gegenwärtig und von Relevanz ist. Aus der Aggregation der gemeinsamen Interessen der Akteure entstehen Online-Initiativen und Online-Protestbewegungen, etc. Bis zu diesem Zeitpunkt bleibt die politische Willensbildung originär virtuell – ein Stadium, in dem die reine Online-Meinungsbildung noch kanalisierbar und moderierbar ist. Die Politik hat jedoch oft zu spät Kenntnis über aktive Meinungsbildungsprozesse im Internet und verpasst so die Chance für frühzeitige Dialoge.

Diese Black Box muss von Politik und allen beteiligten Instanzen frühzeitig aufgelöst und ein Dialog gestartet werden. Nur so können Unternehmen die Bürger in Projekte mit einbeziehen und von eine positiven Berichterstattung profitieren. Wenn diese Bewegungen, bspw. durch moderne Monitoring-Werkzeuge, frühzeitig erkannt werden, haben alle Beteiligten verbesserte Handlungsspielräume. 

Die offene Flanke der Politik

Die fast schon trivial einfache Bildung und Organisation von Initiativen, Bürgerbewegungen und Interessensgruppen über soziale Netzwerke und deren rapide virale Entfaltung stellt das etablierte politische System vor neue inhaltliche, prozessuale und technische Herausforderungen.

Wie der Dialog im Web gelingen kann, warum Partizipation ein zentraler Schlüssel dafür ist und wie Politik, Behörden, Unternehmen und Investoren die bestehende Black Box im Internet auflösen können, folgt in Kürze hier im Partizipation Blog im zweiten Teil Die Blackbox: Die Lücke zwischen politischer Willensbildung im Internet und der Politik.

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Christian Scherg

Christian Scherg ist Managing Director der REPUTATION ADVICE GmbH. Mit über 15 Jahren Medienerfahrung gehört er zu den Pionieren und Vordenkern des Reputationsmanagements sowie zu den führenden Online-Strategie-Beratern für Politik und Management. Christian Scherg ist Dozent an der Quadriga Hochschule Berlin und Autor des Buches „Rufmord im Internet“.

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