Geo-Dialog: Bürgerbeteiligung am Beispiel Geothermie

Geschrieben von Elke Spaeth in Allgemein

DiscussionGeothermie ist eine weltweit eingeführte Technologie, bei der die Wärme aus der Erde zur Energieerzeugung genutzt wird. Für den Oberrheingraben ist der Einsatz tiefer geothermischer Energie jedoch neu. Die Region gilt aufgrund der geologischen Voraussetzungen für die Förderung von Erdwärme als besonders günstig. Insgesamt gibt es an elf Standorten der Vorder- und Südpfalz Erschließungsfelder für mögliche Geothermiekraftwerke. Im Jahr 2003 wurde Landau in der Pfalz als erster Standort für die Errichtung eines hydrothermalen Geothermiekraftwerks ausgewählt. Zwei Jahre später begann man mit der ersten Bohrung – am 05. November 2005 sprudelte heißes Wasser aus 3.300 Metern Tiefe, das die für den Kraftwerksbetrieb erforderliche Temperatur aufwies. Im Sommer 2006 wurde das Kraftwerk bei einem renommierten Kraftwerksbauer bestellt, im Frühsommer 2007 geliefert und errichtet.

Grundstimmung

Im Gegensatz zu Politik, Presse oder Menschen aus energienahen Branchen haben sich während der Planungs- und Bauphasen weder die breite Bevölkerung noch die direkten Anwohner für das Kraftwerk in Landau interessiert. Es wurden Tage der offenen Tür durchgeführt, zu denen nur wenige Anwohner erschienen. Eine Informationsveranstaltung entpuppte sich trotz intensiver Bewerbung über Inserate und Einladungsschreiben als übersichtliche Veranstaltung mit drei Bürgern, die der Präsentation lauschten und im Anschluss ihre Fragen mit der anwesenden Geschäftsleitung diskutierten.

Mit der Inbetriebnahme änderte sich das Interesse schlagartig: Die Geschäftsleitung wurde von Besichtigungsanfragen regelrecht überrollt. Busweise kamen Besuche, um sich das Kraftwerk anzuschauen. Parteien, Bürgermeister, Landfrauen, Studenten, Schulklassen, Banken, Vereine – Geothermie war plötzlich interessant.

Seismische Ereignisse

Man schrieb den 20. Mai 2009, als es in der Nacht in Landau drei Erschütterungen gab. Diese wurden mit einer Stärke von 1,0 bis 1,7 auf der Richterskala registriert. Von den meisten Landauern blieben sie vollends unbemerkt.

Am 15. August bebte die Erde dann erneut: Um 14:11 Uhr und um 14:18 Uhr gab es in Landau zwei seismische Ereignisse der Stufen 2,7 und 1,6. Man muss wissen, dass Beben dieser Stärke für den Oberrheingraben nicht Ungewöhnliches sind. Das Hauptbeben wurde in Landau jedoch deutlich verspürt und viele Bürger wurden zudem von einem lauten Knall aufgeschreckt.

Ein Zusammenhang zwischen Kraftwerksbetrieb und den seismischen Ereignisse konnte nicht ausgeschlossen werden. Die Folge: Die Landesregierung beauftragte eine Expertenkommission mit der Analyse der Ereignisse. Zu diesem Zeitpunkt schaltete sich die Regionalzeitung Die Rheinpfalz ein. Sie forderte die Bürger bis Ende August auf, ihre Beobachtungen während des Bebens zu beschreiben und dem Landesamt für Geologie und Bergbau zukommen zu lassen. Auch das politische SWR-Wochenmagazin Ländersache nahm die Berichterstattung auf: mit verwackelten Bildern über Anwohner, welche die Geothermie für ihre Risse an Tapeten und Wänden verantwortlich machten. Am 15. September bebte die Erde erneut: 2,4 auf der Richterskala und wieder ein Knall. Das Kraftwerk war zwar aufgrund von Wartungsarbeiten nicht am Netz – Die Stimmung hatte sich dennoch gedreht.

Geo-Dialog: Eingeleitete Maßnahmen

Im Zuge der Vermittlung wurde eine Fülle von Maßnahmen ergriffen und umgesetzt. Die Ziele: das Erdwärmekraftwerk möglichst störungsfrei zu betreiben und das Vertrauen in die Technologie wiederherzustellen.

  1. Einrichtung einer Expertenkommission

    Das rheinland-pfälzische Umweltministerium richtete umgehend eine Expertenkommission ein, um die Ereignisse von Landau zu analysieren und zu bewerten. Sie sollte ableiten, welche Folgerungen und Anforderungen sich für die Geothermienutzung im Oberrheingraben künftig ergeben.

  2. Nachbarschaftsgespräche

    Anfang November 2009 öffnete das Kraftwerk seine Tore und lud zum Nachbarschaftsgespräch ein. Alle Geschäftsführer und Vorstandsmitglieder der beteiligten Unternehmen standen den Anwohnern Rede und Antwort. Die Medien zeigten an dieser Maßnahme kaum Interesse.

  3. Dialogplattform im Internet

    Seit Anfang 2011 sind die Kraftwerksbetreiber mit der Dialoginitiative Geothermie auf Facebook und Twitter aktiv. Die Zielsetzung: auch den Befürwortern eine Plattform zu bieten und sachliche Informationen zum Thema Erdwärme unkompliziert zur Verfügung zu stellen.

  4. Installation eines Ombudsmanns in Landau

    Als unparteiischer Schiedsmann dient ein Ombudsmann seit Anfang 2012 als Ansprechpartner für alle Bürger, die einen Schaden zu melden haben. Der Ombudsmann ist von der Stadt Landau eingesetzt und soll bei der neutralen Begutachtung von Schadensfällen helfen. Die Kontaktaufnahme ist über eine bei der Stadt eingerichtete E-Mail-Adresse oder telefonisch möglich.

  5. Mediation

    Auf Initiative der rheinland-pfälzische Landesregierung fand unter Leitung eines Mediators am 21. Januar 2011 die konstituierende Sitzung der übergreifenden Mediation „Tiefe Geothermie Vorderpfalz“ statt. Teilnehmen konnten im Raum Vorderpfalz tätige Energieunternehmen, Bürgerinitiativen sowie neutrale Akteure. Die Bürgerinitiative Landau lehnte eine Teilnahme ab.

Bewertung

Der Bürger traut den Politikern und den Unternehmen nicht mehr zu, die Probleme unserer Zeit zu lösen. Und er quittiert dies mit Partizipationsdrang. Für Politik und Unternehmen stellt sich hier eine besondere Herausforderung. Worauf kommt es an? Aufklärung und Transparenz schaffen, Informationen austauschen, zuhören und Standpunkte ernsthaft diskutieren, um vor Ort die jeweils passende Lösung zu finden. Dies gilt auch für die Geothermie. Damit aus einer Hassliebe eine tragfähige gesellschaftliche Akzeptanz wird, auf der die Zukunft bauen kann.

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Elke Spaeth

Die Kommunikationsexpertin Elke Spaeth ist seit 2002 Leiterin der Unternehmenskommunikation und Pressesprecherin der Pfalzwerke AG in Ludwigshafen.