Weshalb Bürger beteiligen?

Geschrieben von Thorsten Hofmann in Allgemein

Weshalb Bürger beteiligen?So einfach die theoretische Gleichung klingt, so anspruchsvoll ist ihre praktische Umsetzung. „Mehr Bürgerbeteiligung“ ist eine abstrakte Forderung, die fast der viel zitierten Forderung nach „mehr Demokratie“ nahe kommt. Bürgerbeteiligung bei großen Bauprojekten zu gewährleisten, ist ein hehrer Anspruch. Schließlich spielt eine Vielzahl von Akteuren eine Rolle, die ein berechtigtes Interesse an einem – subjektiv empfundenen – Grad der Planungssicherheit haben. Wie sollen diese beiden Ansprüche miteinander vereint werden?

Bürgerbeteiligung kann auf drei Ebenen stattfinden: Von der reinen Information der Betroffenen bis hin zu deren Konsultation und letztlich zur konkreten Erarbeitung von gemeinsamen Lösungen zwischen Projektverantwortlichen und anderen betroffenen Akteuren. Es kann somit zwischen einer Informations-, Konsultations- und Kooperationsebene der Bürgerbeteiligung unterschieden werden. Voraussetzung für ein Funktionieren auf allen drei Ebenen ist, die Möglichkeiten und Grenzen des Beteiligungsprozesses von Beginn an klar zu kommunizieren und somit eine Vertrauensbasis zwischen den Beteiligten zu schaffen.

Erfolgreiche Bürgerbeteiligung kann dabei eine ganze Reihe von Funktionen erfüllen:

  • Die Bürger werden in das Planungsverfahren integriert, um die Basis für eine Zustimmung zu schaffen.
  • Konflikte werden durch frühzeitige Information im Vorfeld identifiziert und damit eher vermieden.
  • Durch eine Analyse der Rahmenbedingungen können Lösungen optimiert werden.
  • Der Umsetzungsprozess wird weniger störanfällig, weil juristische Auseinandersetzungen durch frühzeitige Integration aller Beteiligten vermieden werden.
  • Entscheidungen werden besser akzeptiert, wenn der Weg der Entscheidungsfindung transparent gemacht wird.

Der strategische Weg des Vertrauensaufbaus

Was hat das Konzept der Bürgerbeteiligung mit Planung und professioneller Kommunikation zu tun? Weil dadurch zum einen gewährleistet wird, dass der Beteiligungsprozess in den gesamten, komplexen Planungsprozess des Bauvorhabens von Beginn an eingebunden wird und zum anderen, dass die relevanten Akteure überhaupt erst erreicht werden. Nur derjenige wird als vertrauensvoller Dialogpartner wahrgenommen, der die Argumente der Projektgegner im Voraus kennt und antizipiert, anstatt von ihnen überrascht zu werden. Denn Bürger und Interessengruppen sind heute ebenfalls professionell organisiert und vertreten ihre Belange selbstbewusst. Finden diese ersten Widerstände einmal Platz auf der medialen Agenda, vergeht kaum ein Tag, an dem regionale und überregionale Medien nicht über das Großprojekt berichten.

  1. Vorbereitende Maßnahmen des Beteiligungsprozesses

    Zu einer guten Vorbereitung gehört eine fundierte Analyse aller relevanten Akteure und Stakeholder sowie eine Bestandsaufnahme der Rahmenbedingungen des Projekts. Darauf aufbauend wird die konkrete Gestaltung des Beteiligungsprozesses geplant und umgesetzt. Dabei muss die Planung jederzeit auf unvorhergesehene Störfaktoren oder aber neue Entwicklungen reagieren können und diese mitberücksichtigen.

  2. Aufbau eines Vertrauenszyklus

    Die ausführliche Analyse im Vorfeld dient dazu, sich ein ausführliches Bild über die Lage vor Ort zu machen und somit Bedürfnisse und Befindlichkeiten aller Betroffenen in die Gesamtstrategie mit einzuplanen. Die Kenntnis der Sorgen, Ängste und Bedürfnisse ermöglicht erst einen Dialog mit den unterschiedlichen Anspruchsgruppen und eine punktgenaue Kommunikation. So kann ganz gezielt ein Vertrauenszyklus aufgebaut werden, indem relevante Argumente relevante Zielgruppen erreichen. Dies vermittelt die eine, wichtige Botschaft: „Wir nehmen die Ängste und Bedürfnisse der Gegner sehr ernst und bieten Lösungen.“ Die Diskussion wird versachlicht, ohne teilnahmslos zu sein, Vertrauen und Akzeptanz werden aufgebaut, gemeinsame Lösungen können entwickelt werden. Aus diesem Grund kommt dem Dialog mit betroffenen Bürgern, Interessengruppen, Verbänden und Politik eine verstärkte Aufmerksamkeit zu. Dies alles erhöht die Planungssicherheit für das Gesamtprojekt.

  3. Strategiekonzept entwickeln – Maßnahmen umsetzen

    Ein Strategiekonzept bildet das Bündel von taktischen Kommunikationsmaßnahmen, um innerhalb des Projektzeitraums bewusst geplante und langfristig angelegte Kommunikation durchzusetzen. Von klassischen PR-Werkzeugen über die Einbindung des Web 2.0 bis hin zu Partizipations- und Mediationsverfahren kann dann eine Vielzahl von Dialog- und Kommunikationswerkzeugen zum Einsatz kommen. Ziel ist es, Aufmerksamkeit zu wecken und in den dauerhaften Dialog mit allen Beteiligten zu treten, um Glaubwürdigkeit herzustellen und im Idealfall Zustimmung für das Bauvorhaben zu generieren. Die Bandbreite der möglichen Maßnahmen kann – im Sinne des Konzepts der Bürgerbeteiligung – zwischen der reinen Informationsvermittlung, der Konsultation und der Kooperation zwischen Projektverantwortlichen und Stakeholdern untergliedert werden. Unabhängig davon, welches Instrument zum Einsatz kommt: Die Projektverantwortlichen müssen ihre eigene Position im Blick behalten und dementsprechend formulierte Botschaften für die jeweiligen Anspruchsgruppen vorbereiten.

Handlungsempfehlung

Die Stakeholder-Analyse sollte sich an folgenden Fragen ausrichten:

  • Wer ist von dem Projekt betroffen bzw. wer soll erreicht werden? (Spezifizierung)
  • Was interessiert die jeweilige Gruppe? (Erwartungen und Befürchtungen)
  • Wie informiert sich die jeweilige Gruppe? (Kommunikationskanäle)
  • Wer sind Multiplikatoren und Meinungsführer? (Medien, Politik und Verbände)
  • Wer könnte Unterstützer des Projektes sein? (Positive Klassifizierung)

Konkret muss die Stakeholder-Analyse auf folgende Fragen Antworten bieten:

  • Welche Medien/Personen berichten wie über das Vorhaben?
  • Welche Historie haben ähnlich geartete Projekte in der Region, Land oder auf Bundesebene?
  • Welcher der lokalen politischen Entscheidungsträger ist Befürworter, wer ist Gegner?
  • Welchen Anspruchsgruppen müssen diese gerecht werden?
  • Wie sieht die Soziostruktur in der Region aus? (Altersdurchschnitt, Bevölkerungsentwicklung, Geburtenrate, Bildungswanderung und Arbeitsmarktentwicklung etc.)

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Thorsten Hofmann

Thorsten Hofmann ist Lehrbeauftragter für wirtschaftliches und politisches Verhandlungsmanagement und Krisenkommunikation an der Quadriga Hochschule Berlin. Er leitet das Center for Negotiation (CfN) am Institute for Crisis, Change and Conflict Communication C4 und ist Autor des Verhandlung.blog. Hofmann ist Gastprofessor an der Universidad Autónoma de Guadalajara (UAG), Mexiko. Er studierte Psychologie, Kriminologie und Wirtschaftswissenschaften, promovierte an der Comenius Universität und ist Absolvent der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, der höchstrangigen, ressortübergreifenden Fortbildungsstätte des Bundes. Als ehemaliger Ermittler des Bundeskriminalamtes war er im Bereich Organisierte Kriminalität tätig und arbeitete unter anderem bei einigen der spektakulärsten Erpressungsfälle und Geiselnahmen im In- und Ausland mit. Er wurde in den unterschiedlichsten Bereichen der Verhandlungsführung ausgebildet, wie Harvard/Power Base/systemisches Verhandeln/Verhandeln im Grenzbereich/Verhandeln mit LAB /F.I.R.E. und S.A.F.E. Thorsten Hofmann ist zertifizierter Verhandlungs-Trainer (Certified Global Negotiator) und berät Unternehmen und Organisationen bei komplexen Verhandlungsprozessen. Sein Forschungs- und Beratungsschwerpunkt ist darüber hinaus die Kommunikation in erfolgskritischen Situationen. Dazu zählen die Risiko- und Krisenkommunikation, Veränderungskommunikation sowie die Kommunikation mit politischen Stakeholdergruppen. Seit 2006 leitet er als Vorsitzender die internationale „Crisis Communication Task Force“ (CCTF) des weltweiten Agenturnetzwerkes ECCO International Public Relations Ltd. und ist Managing Partner der Unternehmensberatung ADVICE PARTNERS GmbH.